Hüfte einknicken
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Einknicken in der Hüfte: Der größte Irrtum der Reitlehre

Last Updated on 30/03/2026 by CurleyInspire

„Du knickst in der Hüfte ein!“ – diesen Satz hören Reiter seit Jahrzehnten. Doch das Einknicken in der Hüfte ist anatomisch gar nicht möglich. Was auf den ersten Blick logisch klingt, ist bei genauer Betrachtung ein hartnäckiger Mythos der Reitlehre.
In diesem Artikel schauen wir uns an, warum dieser Satz seit Jahrzehnten falsch verwendet wird, was stattdessen wirklich passiert – und warum er sich trotzdem hartnäckig hält.


Das Einknicken in der Hüfte – ein anatomischer Denkfehler

Die Hüfte ist kein Gelenk, das „einknickt“ wie ein Scharnier. Anatomisch handelt es sich um ein Kugelgelenk zwischen Becken und Oberschenkel. Dieses erlaubt Bewegungen in mehrere Richtungen:

  • Beugung (Flexion)
  • Streckung (Extension)
  • Abspreizen (Abduktion)
  • Rotation

Was es nicht kann: Einknicken.

Trotzdem wird dieser Satz seit Generationen von Reitlehrern verwendet. Nicht aus böser Absicht, sondern weil er sich eingebürgert hat – und weil viele die anatomischen Zusammenhänge nie gelernt haben.


Was die Hüfte wirklich kann (und was nicht)

Das Hüftgelenk ist nach dem Kniegelenk das zweitgrößte Gelenk des menschlichen Körpers. Es verbindet das Becken mit den beiden Oberschenkelknochen und trägt unser gesamtes Körpergewicht – im Sattel plus die Bewegung des Pferdes obendrauf.

Es ist ein Kugelgelenk (Articulatio coxae). Der Oberschenkelkopf (Caput femoris) sitzt in der Hüftpfanne (Acetabulum) und kann sich in alle Richtungen bewegen. Genauer gesagt kann es:

BewegungFachbegriffWas passiert
BeugenFlexionOberschenkel wird nach vorne oben geführt
StreckenExtensionOberschenkel wird nach hinten geführt
AbspreizenAbduktionOberschenkel wird seitlich weggeführt
AnwinkelnAdduktionOberschenkel wird zur Körpermitte geführt
DrehenInnen-/AußenrotationOberschenkel rotiert in der Pfanne

Was es nicht kann: Einknicken.

Ein Knick ist ein Bruch in einer Linie. Das passiert bei einem intakten Gelenk nicht. Ein Kugelgelenk beugt, streckt, dreht – aber es knickt nicht. Wer also zu einem Reiter sagt: „Du knickst in der Hüfte ein!“, beschreibt etwas, das anatomisch gar nicht möglich ist.


Was wirklich statt eines Einknickens in der Hüfte wirklich passiert

Wenn ein Reiter vom Lehrer hört: „Du knickst in der Hüfte ein!“, dann ist meist eine bestimmte Fehlhaltung gemeint. Anatomisch passiert dabei Folgendes:

Was man siehtWas anatomisch passiert
Das Becken kippt zur SeiteEine Seite des Beckens ist tiefer als die andere
Die Schultern sind ungleichmäßigOft entsteht ein Ausgleich in der oberen Wirbelsäule – eine Schieflage oder Rotation
Die Lendenwirbelsäule knickt seitlich abHier entsteht der echte „Knick“ – in der Taille, nicht in der Hüfte
Ein Bein rutscht nach vorne oder hat weniger KontaktDurch die Schieflage verändert sich oft auch die Position der Oberschenkel

Das Problem: Der Reiter versucht nicht, einzuknicken. Er sitzt so, wie es sich für ihn gerade richtig anfühlt – und die Anatomie führt in diese Position. Der Satz „Du knickst in der Hüfte ein!“ beschreibt zwar ein Symptom (die sichtbare Schieflage), aber nicht die Ursache (die oft in muskulären Ungleichgewichten, Asymmetrien oder fehlendem Körperbewusstsein liegt).


Warum uns dieser Satz immer noch falsch beigebracht wird

Es gibt mehrere Gründe, warum sich dieser Mythos so hartnäckig hält:

1. Ungenaue Sprache
Reitlehre wird oft über Kommandos weitergegeben. „Knick in der Hüfte“ klingt eindeutig, ist aber anatomisch falsch.

2. Fehlendes anatomisches Wissen
Viele Reitlehrer haben selbst nie gelernt, was im Körper des Reiters wirklich passiert. Sie geben weiter, was sie gehört haben.

3. Die falsche Perspektive
Viele beurteilen den Sitz hauptsächlich von der Seite. Dort sieht man das Problem (die seitliche Schieflage) aber kaum – und übersieht es daher.

4. Tradition
Weil der Satz schon immer gesagt wurde, hinterfragt ihn kaum jemand. Dabei wäre es längst Zeit für eine Korrektur.


Warum das Einknicken in der Hüfte von der Seite unsichtbar bleibt

Hier kommt ein entscheidender Punkt, den viele Reitlehrer übersehen:

Das vermeintliche „Einknicken in der Hüfte“ sieht man in der Seitenansicht meist gar nicht.

Warum? Weil es anatomisch gar kein Einknicken in der Hüfte ist. Was wirklich passiert, ist ein seitliches Abknicken in der Lendenwirbelsäule – also in der Taille. Der Reiter kippt das Becken nicht nach vorne oder hinten, sondern zur Seite. Die Hüfte bleibt dabei relativ stabil, die Wirbelsäule macht den Knick.

Und dieses seitliche Abknicken sieht man:

PerspektiveWas man sieht
Von hintenDeutlich sichtbar: eine Schieflage, eine Delle in der Taille, ein seitlicher Knick, ungleiche Schultern
Von der SeiteKaum zu erkennen – hier sieht der Reiter vielleicht „normal“ aus, obwohl er in der Taille abknickt

Diese Bilder zeigen zur Veranschaulichung eine extreme Schiefe. Das ist natürlich im normalen Reiterleben meist nicht so extrem. Aber auch kleine Unregelmäßigkeiten bringen unser Pferd in eine leicht Dissbalance.

Reiterin auf einem dunklen Pferd in der Reithalle in der Seitenansicht. Die Reiterin zeigt das falsche Sitzmuster "Einknicken in der Hüfte"
Einknicken in der Hüfte – Seitenansicht (Bild nachgestellt)
Reiterin auf einem dunklen Pferd in der Reithalle - Ansicht von hinten. Die Reiterin zeigt das falsche Sitzmuster "Einknicken in der Hüfte"
Einknicken in der Hüfte – Von hinten (Bild nachgestellt)

Das erklärt, warum der Mythos sich so lange halten konnte: Wer nur von der Seite schaut, sieht das Problem nicht.


Auswirkungen auf das Pferd

Ein Sitz, der auf „Einknicken“ basiert, hat direkte Konsequenzen:

❌ Für das Pferd problematisch

  • Unruhiger Schwerpunkt durch die Schieflage
  • Ungleiche Gewichtsverteilung im Sattel
  • Störende Einwirkung auf den Rücken
  • Taktstörungen
  • Verspannungen

Das „Einknicken in der Hüfte“ ist kein hilfreiches Konzept, sondern ein Beispiel dafür, wie sich ungenaue Sprache in der Reitlehre festsetzen kann.

Ein guter Reitersitz entsteht nicht durch isolierte Bewegungen, sondern durch:

  • Koordination
  • Körpergefühl
  • biomechanisches Verständnis

Und genau hier liegt die Chance: Wer beginnt, diese Zusammenhänge wirklich zu verstehen, verbessert nicht nur seinen Sitz – sondern auch die Qualität der gesamten Kommunikation mit dem Pferd.


Was wir stattdessen brauchen

Statt eines falschen anatomischen Kommandos brauchen Reiter:

  • Klarheit über die Beckenstellung – Wo zeigen meine Sitzbeinhöcker hin?
  • Bewusstsein für Schieflagen – Kippt mein Becken zur Seite?
  • Entspannte Hüftbeuger – Kann ich die Oberschenkel locker fallen lassen, ohne die Knie anzuziehen?
  • Eine bewegliche Lendenwirbelsäule – Kann sie schwingen, ohne zu knicken oder zu blockieren?
  • Korrektur von hinten, nicht nur von der Seite – Denn dort sieht man das eigentliche Problem

Das lernt man nicht durch falsche Kommandos. Das lernt man durch Verstehen des eigenen Körpers – und durch Übungen, die genau da ansetzen, wo die Bewegung wirklich entsteht.


Fazit

„Du knickst in der Hüfte ein!“ – dieser Satz wird seit Jahrzehnten falsch verwendet. Anatomisch kann man in der Hüfte nicht einknicken. Die Hüfte ist ein Kugelgelenk, das beugt, streckt, dreht – aber nicht knickt.

Was wir als „Einknicken in der Hüfte“ bezeichnen, ist meist:

  • eine seitliche Schieflage des Beckens
  • ein Abknicken in der Lendenwirbelsäule
  • ungleiche Schultern und ungleicher Beinkontakt

Wer diesen Satz verwendet, beschreibt ein Symptom (die sichtbare Schieflage), aber nicht die Ursache. Und wer ihn hört, sucht nach einer Bewegung, die es nicht gibt.

Es ist Zeit, diesen Mythos zu beenden. Nicht aus Besserwisserei, sondern weil Reiter und Pferde einen Sitz verdienen, der wirklich funktioniert – basierend auf Anatomie, nicht auf eingebürgerten Floskeln.


Hast du diesen Satz auch schon gehört? Oder vielleicht selbst gesagt? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen – schreib mir gern in den Kommentaren.

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