Last Updated on 16/05/2026 by CurleyInspire
Ich habe da jemanden im Stall stehen. Er heißt Hugo. Und er ist… sagen wir mal… er ist durch und durch hochsensibel.
Wenn andere uns in der Reithalle beobachten, höre ich oft die unausgesprochenen Gedanken – oder sehe es in ihren Blicken: „Gott sei Dank ist mein Pferd nicht so.“ Sie würden Hugo wohl als „schwierig“ bezeichnen. Aber Hugo ist nicht schwierig. Und er ist auch kein Pferd, bei dem man einfach nur mehr arbeiten muss. Hugo ist ein Pferd, bei dem der Körper sagt: „Ich habe noch Kapazität“ und das Nervensystem sagt: „Ich bin schon längst drüber.“
Und genau da beginnt meine Lernaufgabe.
Wenn die Reithalle zu viel wird
Hugo zeigt mir ziemlich deutlich, wann ihm etwas zu viel wird. Besonders in der Reithalle, wenn viele Pferde da sind und dann auch noch galoppiert wird, kippt seine innere Ruhe sehr schnell. Dann ist es für ihn schwer, bei mir zu bleiben. Er nimmt alles gleichzeitig wahr: Bewegung, Tempo, Unruhe, Raum und die anderen Pferde um ihn herum.
Für mich ist das keine Frage von Ungehorsam. Es ist Überforderung. Und ich lerne, genau das ernst zu nehmen.
Früher hätte man mir vielleicht geraten, ihn da einfach „durchzudrücken“ oder ihn müde zu reiten. Aber ein nervensensibles Pferd kann man nicht abhärten. Nicht noch mehr Druck, sondern mehr Struktur, mehr Sicherheit und mehr Klarheit helfen ihm am meisten aus der Reizüberflutung heraus.
Target Training bei Angst: Ein konkreter Weg
Besonders gut funktioniert bei Hugo das Target Training. Gerade bei Dingen, vor denen er Angst hat, hilft es mir, ihn bewusst und kontrolliert damit zu konfrontieren. Er muss sich bewusst mit diesen gruseligen Gegenständen auseinandersetzen. Gerne in seinem Tempo, was manchmal viel Geduld erfordert.
Er darf schauen. Er darf sich annähern. Er darf selbst eine Lösung finden. Genau das macht ihn mutiger. Und genau dadurch wächst sein Vertrauen in sich selbst und in mich.

Positive Spannung statt Überforderung
Heute arbeite mit Hugo so, dass ich ihm möglichst viel Orientierung gebe, aber nicht alles für ihn festhalte. Genau das ist für mich die größte Herausforderung: Ihn nicht in jeder Situation zu „führen“, sondern ihm zuzutrauen, dass er selbst mehr Stabilität entwickeln kann.
Dabei geht es nicht darum, Spannung komplett zu vermeiden. Es geht darum, einen positiven Spannungsbogen zu kreieren. Also einen Zustand, in dem Energie da ist, aber nicht kippt. Und genau das funktioniert bei Hugo erstaunlich gut, wenn ich ihn fein genug begleite.
Körperliche Entwicklung und Wachstumsschübe
Zu all dem kommt noch, dass Hugo sich körperlich extrem verändert. Er scheint ständig im Wachstum zu sein. Der Sattler kommt gefühlt alle drei Wochen, weil der Sattel schon wieder angepasst werden muss.
Das zeigt mir, dass sein Körper sich massiv entwickelt. Und genau deshalb passt das Training so gut, wenn ich ihn nicht überfordere. Ein Körper, der sich so verändert, braucht Bewegung und Entwicklung — aber eben in einem Tempo, das sein Nervensystem mitgehen kann.
Was Hugo lernen muss, ist etwas anderes: Seine eigene Stabilität zu finden. Ohne, dass ich ihn permanent festhalte und ohne, dass ich alles für ihn regeln will. Und das ist manchmal verdammt schwer auszuhalten, weil es sich erstmal weniger „kontrolliert“ anfühlt und nach außen hin vielleicht auch nicht so toll aussieht.
Hugo ist keine Baustelle. Er ist ein ziemlich klares Feedback-System. Für Timing. Für Dosierung, für viel Hinhören und Gefühl im Training.
Warum ich das teile (und warum es so verdammt müde macht)
Ich schreibe das auf, weil ich glaube, dass viele solche nervensensible Pferde haben. Pferde, die äußerlich noch leistungsfähig wirken, innerlich aber längst überfordert sind. Und genau da beginnt oft das Missverständnis.
Hugo ist für mich kein Problem. Er ist ein Lehrmeister. Er zeigt mir, wie fein Training sein muss, wenn man Pferde wirklich verstehen will. Aber zur Wahrheit gehört auch die Kehrseite.
Wenn die anderen in der Halle froh sind, nicht mein Pferd zu haben, gibt es Tage, an denen ich denke: Ich kann euch verdammt gut verstehen. Ich würde gerade auch lieber tauschen.
Bin ich manchmal überfordert? Ja, natürlich. Es ist verdammt anstrengend, jeden Tag die Geduld für zwei aufzubringen. Es ist frustrierend, wenn der Sattler gefühlt wöchentlich kommt und man das Gefühl hat, sich im Kreis zu drehen. Man darf sein Pferd lieben, seine Sensibilität schätzen – und trotzdem manchmal einfach nur müde sein von dem mentalen Marathon, den dieses Training bedeutet.
Ich weiß inzwischen, dass ich nicht perfekt sein muss. Vielleicht geht es im ersten Schritt erst einmal darum, milde zu sich selbst zu sein. Und man darf ehrlich sein. Denn genau da, wo die Fassade bröckelt und wir die ungeschönte Realität zulassen, genau da fängt echtes Wachstum an.




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